Quiet Quitting: Dienst nach Vorschrift

Wer sich in den sozialen Medien bewegt, kommt zurzeit nicht um den Begriff „Quiet Quitting“ herum. Quiet Quitting bedeutet, dass immer mehr Beschäftigte Dienst nach Vorschrift machen und Überstunden ablehnen. Doch was steckt genau hinter diesem Trend? Und vor welche Herausforderungen stellt er Unternehmen?

Anrufe und E-Mails nach Feierabend, Überstunden sowie zusätzliche Aufgaben, die nicht im Arbeitsvertrag stehen, gehören für viele Beschäftigte zum Alltag. Bereits vor der Corona-Pandemie haben viele Arbeitgeber dieses Engagement von ihren Mitarbeitern erwartet. Doch die Pandemie hat das Problem noch einmal verschärft, denn in vielen Branchen herrscht nun großer Personalmangel, weil Angestellte gekündigt haben oder gekündigt wurden. Diejenigen, die noch im Unternehmen arbeiten, müssen nun mehr leisten – doch das lehnen immer mehr Beschäftigte ab. Denn die Pandemie hat auch dazu geführt, dass viele Menschen die Ansprüche an ihr Leben und ihre Arbeit neu bewertet haben, was mit einer Verschiebung ihrer Prioritäten einhergeht.

Was bedeutet Quiet Quitting?

Quiet Quitting wird häufig etwas unglücklich mit „stiller Kündigung“ übersetzt. Tatsächlich geht es bei diesem Trend aber nicht darum, den Job zu kündigen oder innerlich damit abgeschlossen zu haben. Vielmehr beschreibt Quiet Quitting das, was man unter dem Begriff Dienst nach Vorschrift versteht. Eine Arbeitseinstellung also, die unbezahlte Überstunden und zusätzliche Aufgaben ablehnt. Quiet Quitter wollen nur das leisten, was in ihrem Arbeitsvertrag steht und wofür sie bezahlt werden. Es ist also kein „Nein“ zum Job, sondern ein „Nein“ zu unbezahlter Mehrarbeit und zusätzlichem Engagement. Die meisten versprechen sich davon mehr Zeit für Familie, Freunde und Hobbys. Auch die psychische Gesundheit spielt eine wichtige Rolle: Nicht wenige Quit Quitter befürchten ein Burnout, sollte sich an ihrem aktuellen Arbeitsalltag nicht bald etwas ändern.

Denn laut Statistischem Bundesamt haben in Deutschland 2021 durchschnittlich 4,5 Millionen Menschen Überstunden geleistet. Das entspricht einem Anteil von zwölf Prozent der Arbeitnehmer. Bei der Mehrheit beläuft sich die wöchentliche Mehrarbeit auf weniger als zehn Stunden. 29 Prozent gaben an, mindestens 15 Wochenstunden mehr zu arbeiten als im Arbeitsvertrag vereinbart. Knapp 22 Prozent der Überstunden wurden nicht bezahlt. Im Jahr 2022 leisteten deutsche Arbeitnehmer insgesamt rund 583 Millionen bezahlte und rund 702 Millionen unbezahlte Überstunden. Mit Blick auf diese Zahlen lässt sich nachvollziehen, warum der Quiet-Quitting-Trend (auch hierzulande) auf offene Ohren stößt.

Im Jahr 2022 leisteten deutsche Arbeitnehmer insgesamt rund 702 Millionen unbezahlte Überstunden.

Woher stammt der Trend eigentlich?

Wirklich populär geworden ist der Begriff im Sommer 2022 durch ein TikTok-Video des Users „zaidleppelin“, das viral ging. Darin erklärt der US-Amerikaner: „Arbeit ist nicht dein Leben, dein Wert als Mensch definiert sich nicht über deine Produktivität.“ Diese Aussage erhielt vor allem bei jungen Leuten viel Zuspruch, die ein stressfreies Arbeitsleben bevorzugen, ohne ihre Gesundheit oder ihr Privatleben opfern zu müssen.

Vor welche Herausforderungen stellt der Trend Unternehmen?

Gerade im Zuge des Fachkräftemangels ist Quiet Quitting für Unternehmen ein Problem, denn das Angebot an qualifizierten Fachkräften schwindet schon seit Jahren und immer mehr Arbeit lastet auf immer weniger Schultern. Aber was passiert, wenn die Beschäftigten das nicht mehr mitmachen? Experten sind sich einig, dass Arbeitgeber bessere Strategien und Anwerbekonzepte entwerfen müssen, damit sie für junge Leute attraktiver werden. Gleichzeitig warnen sie davor, den Trend falsch zu interpretieren: Es gehe bei Quiet Quitting nicht um Faulheit, sondern darum, zu seinem eigenen Wohl Grenzen zu ziehen, Prioritäten zu setzen und Überlastungen zu vermeiden.

Welche Strategien gegen Quiet Quitting gibt es?

Arbeitgeber müssen herausfinden, was ihre Mitarbeiter brauchen, damit sie sich mit dem Unternehmen und ihrer Arbeit identifizieren können. Was motiviert sie? Wie sieht für sie der ideale Arbeitsplatz aus? Wie stellen sie sich ihre berufliche Zukunft vor? Neben einem höheren Gehalt, mehr Wertschätzung und längeren Pausen gibt es weitere Lösungsansätze:

1. Mitarbeiterzufriedenheit abfragen

Mithilfe von Mitarbeiterbefragungen bekommen Unternehmen wertvolle Einsichten in die Zufriedenheit und das Engagement ihrer Belegschaft. So können mögliche Problemstellen identifiziert und zielgerichtete Maßnahmen umgesetzt werden.

2. Benefits einführen

Mit attraktiven Benefits können Arbeitgeber ihren Mitarbeitern freiwillige Zusatzleistungen bieten, die über den Arbeitsvertrag hinausgehen. So kommen Unternehmen ihren Beschäftigten entgegen und zeigen, dass sie dazu bereit sind, den Einsatz ihrer Mitarbeiter zu würdigen.

3. Mitarbeiter coachen

Gespräche und Coachings helfen dabei herauszufinden, wie sich Beschäftigte ihre berufliche Zukunft vorstellen, was sie in ihrem Leben antreibt, was ihre Ziele und Werte sind. Zudem sollten Unternehmen ihren Beschäftigten ausreichend Weiterbildungsmöglichkeiten bieten, die Wissen und Trends aus der Branche vermitteln und die Neugier auf neue Aufgaben wecken.

Mitarbeitergespräche und Coachings können auch dabei helfen, die Motivation von Beschäftigten zu steigern.

4. Gesundheit fördern

In jedem Unternehmen muss heute ein Bewusstsein für gesundes Arbeiten vorhanden sein. Mit einem betrieblichen Gesundheitsmanagement und Maßnahmen zur Gesundheitsförderung kann das Wohlbefinden der Mitarbeiter gefördert werden.

5. Eigenverantwortung steigern

Durch mehr Gestaltungs- und Entscheidungsfreiräume steigern Arbeitgeber die Motivation und das Engagement ihrer Mitarbeiter. Wer seinen Arbeitsalltag selbstbestimmt gestalten sowie eigenverantwortlich Projekte übernehmen kann, identifiziert sich stärker mit seinen Aufgaben – und dem Unternehmen.

6. Unternehmenskultur stärken

Die Leistungsbereitschaft von Beschäftigten wird stark von ihrer Identifikation mit dem Unternehmen beeinflusst. Laut dem Gallup Engagement Index 2022 fühlte sich unter den Mitarbeitern ohne emotionale Bindung zum Unternehmen jeder Zweite ausgebrannt. Bei Mitarbeitenden mit hoher emotionaler Bindung ist es nur jeder Vierte. Mit einer guten internen Kommunikationsstrategie können Firmen die Unternehmenskultur, das Gemeinschaftsgefühl und damit die emotionale Bindung ihrer Mitarbeiter positiv stärken. Wenn Unternehmensprozesse und Ziele zum Beispiel transparent kommuniziert werden, ist schon ein wichtiger Schritt getan.

Für Arbeitgeber könnte der Trend Quiet Quitting ein Weckruf sein. Und vielleicht ändert er tatsächlich etwas in der Arbeitswelt – ganz besonders in einer Zeit des Fachkräftemangels.

Titelfoto: iStock

 

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