Mit Liebe gestrickt: Das Wollgefühl

Nachhaltigkeit, der Wert von geduldiger Handarbeit und weiche, selbstgestrickte Produkte – all das ist unbezahlbar für Gunilla Hinderer, der Inhaberin des Handarbeitsgeschäfts „Das Wollgefühl“ in Glinde, einer gemütlichen Stadt im südlichen Schleswig-Holstein. Im S-Cashback-Magazin erzählt sie, was sie an den feinen Fäden fasziniert – und warum sich die Juristin im Jahr 2012 dazu entschied, ihr eigenes Geschäft zu eröffnen.

Interview: Sarah Lohmann

Gunilla Hinderer

S-Cashback Magazin: Frau Hinderer, woher kommt eigentlich Ihre Liebe zum Stricken?
Gunilla Hinderer: Ich habe schon ganz früh mit dem Stricken angefangen – bei meinem ersten Versuch war ich gerade einmal vier Jahre alt. Meine Faszination für Handarbeit wurde mir wahrscheinlich in die Wiege gelegt. Ich habe es geliebt, meiner Großmutter beim Stricken zuzuschauen und freute mich immer über ihre warmen, weichen Päckchen, die sie mir zu Weihnachten oder zum Geburtstag überreichte. Die Stücke meiner Oma waren einfach wunderschön! Im Alter von neun Jahren habe ich meine eigene Wolle geschenkt bekommen. In der Schule habe ich unter der Schulbank gestrickt, meinen Geschwistern habe ich Handschuhe angefertigt, während eines Urlaubs in Dänemark strickte ich meinen Eltern und meinen drei Geschwistern Pullover mit Norwegermuster.

Und wie kam es zu Ihrer Selbstständigkeit?
Meine Strick-Reise ging weiter – ich habe mich belesen, mich weitergebildet und im Februar 2009 meinen ersten Strickkurs an der Volkshochschule abgehalten, der richtig toll angekommen ist. Eigentlich bin ich Juristin – ich habe vier wunderbare Kinder bekommen und wollte mich dann meiner Leidenschaft fürs Stricken hingeben. Also jobbte ich in einem Handarbeitsladen, in dem es mir allerdings nicht wirklich gefiel. Die Wolle war nicht so, wie ich es mir gewünscht habe, die Organisation stimmte nicht. 2012 kündigte ich, suchte passende, helle und bezahlbare Räumlichkeiten – und dann wurde „Das Wollgefühl“ geboren. Dabei habe ich mich sehr von Dänemark und Norwegen inspirieren lassen.

„Mein Geschäft sollte aufgeräumt und übersichtlich sein, aber trotzdem gemütlich“

Inwieweit hat Sie Skandinavien inspiriert?
Mein Geschäft sollte aufgeräumt und übersichtlich sein, aber trotzdem gemütlich – so wie die Geschäfte in den skandinavischen Ländern. Ich wollte, dass es zum Verweilen einlädt und man sich wohlfühlt. Deshalb habe ich zum Beispiel, neben der Wolle natürlich, eine ganze Bibliothek mit Strickbüchern – meine Kunden können stöbern, sich belesen, die Materialien anfassen und mich um Hilfe bitten, wann immer sie möchten. Ich freue mich sehr, Menschen zuzuhören und sie auf ihrem Weg zu begleiten.

Welches Sortiment finden Ihre Kunden bei Ihnen?
Stricken ist nicht antiquiert, es gibt so viel mehr als kratzende Pullover in Beige – im Gegenteil. Es gibt wunderschöne Farbverläufe und satte Nuancen. Ich führe viele verschiedene Farben und Wolle aus Naturmaterialien. Bei mir gibt es beispielsweise kein Angora, weil die Häschen dafür oft nicht gut behandelt werden.

Inwiefern?
Der natürliche Fellwechsel der Tiere findet zwei Mal jährlich statt. Dann genießen es die Häschen, das Fell herausgestreichelt zu bekommen. In manchen Ländern werden die Tiere aber vier Mal im Jahr gerupft, was Schmerzen verursacht. Ich achte darauf, dass die Tiere gut behandelt werden und biete Wolle von Alpakas, Lamas und verschiedenen Schafrassen an. Ebenso erhältlich ist Viskose, Baumwolle oder Seide. In meinem Angebot finden Kunden auch nur wenig Polyacryl – das ist nicht natürlich, in der Wolle für Socken aber nützlich, weil dadurch das Garn stabilisiert wird. Grundsätzlich führe ich Wolle kleinerer Firmen, bei denen man nicht noch für den Namen draufzahlt. Natürlich biete ich ebenfalls Waren von beispielsweise Schachenmayr, aber insgesamt setze ich auf kleinere Labels.

Sie achten also unter anderem auf Nachhaltigkeit.
Ja, definitiv. Wolle ist Natur, soll langlebig und nachhaltig sein. Es findet gerade ein großes Umdenken statt, die Leute wünschen sich Produkte, die mit der Welt im Einklang sind. Deshalb ist meine Wolle auch mulesingfrei. In Australien und Neuseeland gibt es nämlich das Problem des Fliegenlarvenbefalls. Um das Einnisten der Larven in den Hautfalten der Schafe zu verhindern, werden die Lämmer in Chemie gebadet – im wahrsten Sinne des Wortes. Dieses Mulesing ist barbarisch gegenüber den Tieren und die giftigen Stoffe bleiben in den Fasern haften. Das möchte ich nicht und kaufe daher in Ländern, in denen es das Fliegenmaden-Problem gar nicht gibt.

„Die Kunden wissen, dass die Wolle nicht mit Chemie belastet ist oder von gequälten Tieren stammt“

Macht sich das dann beim Preis bemerkbar?
Wollknäule sind nicht genormt, aber wenn wir von einem Knäuel mit 50 Gramm Wolle ausgehen, kostet das bei mir zwischen fünf und zehn Euro. Das ist marktüblich und meine Kunden wissen, dass die Wolle nicht mit Chemie belastet ist oder von gequälten Tieren stammt.

Gemütliche Wollsocken

Würden Sie sagen, Stricken ist nicht nur was für ältere Leute?
Nein, überhaupt nicht. Meine Volkshochschulkurse zeigen, dass sich auch Kinder fürs Stricken begeistern. Sie erfreuen sich daran, etwas mit ihren Händen zu erschaffen, genießen aber auch die Flexibilität meiner Kurse. In meinem neuen Kurs habe ich außerdem eine ganze Gruppe Teenie-Mädels, sicherlich auch, weil das Stricken einen Imagewandel durchlebt hat. Früher waren viele Woll-Produkte kratzig, was aber unter anderem an den damals eingeschränkten Möglichkeiten lag.

Was hat sich da geändert?
Je älter ein Schaf ist und je häufiger es geschoren wird, desto dicker wird das Haar und desto kratziger seine Wolle. Heute nimmt man die weiche Wolle für Kleidung und das Fell älterer Tiere wird für Teppiche verwendet oder sogar im Dünger untergemischt. Also haben wir heute weiche, zarte Garne. Außerdem ist Stricken Entschleunigung. Wir arbeiten so digital und kommen so schwer runter – das kann ein wunderbarer Ausgleich sein. Stricken ist Gemütlichkeit, Zufriedenheit, Entspannung – zum Beispiel an verregneten Nachmittagen mit einem warmen Kakao.

Also könnte Ihrer Meinung nach jeder Stricken lernen?
Ja, klar. Man muss es nur wollen und sich darauf einlassen können. Natürlich ist es von Vorteil, wenn man eine gewisse Vorstellungskraft und räumliches Denken mitbringt. Ein Faden ist eindimensional und man muss sich vorstellen können, dass daraus etwas entstehen kann. Aber selbst dann, wenn man diese Eigenschaften nicht mitbringt, gibt es Hilfsmittel – man kann auch ganz simpel starten und dann reinwachsen. Ansonsten braucht es nur Neugier, Geduld und Spaß. Besonders schön sind Strickkurse, weil sich die Teilnehmer gegenseitig motivieren und inspirieren.

Gunilla Hinderer engagiert sich auch fürs Gemeinwohl und unterstützt auch die Menschen in der Ukraine.

Sie setzen sich auch für gemeinnützige Zwecken ein. Können Sie dazu etwas mehr erzählen?
2012 erzählte mir eine Teilnehmerin meines VHS-Kurses, dass ihr Schwiegersohn im Auslandseinsatz sei. Er konnte über Weihnachten nicht nach Hause kommen und sie fragte mich, ob wir den Soldaten nicht eine Freude machen könnten. Das haben wir. Sie erhielten weiche Päckchen mit selbstgestrickten Socken und Süßigkeiten, im Jahr danach strickten wir kleine Figuren und bekamen tolle Antworten mit Fotos der Figürchen zurück.

Schön.
Außerdem habe ich das CaFée mit Herz unterstützt – eine soziale Einrichtung für arme, arbeits- und obdachlose Menschen auf St. Pauli. Zu Weihnachten verschenkten wir teils über 200 gestrickte oder gehäkelte Mützen, Schals oder Handschuhe – die Dankbarkeit in ihren Augen war einfach toll. Das schlief leider mit der Coronapandemie etwas ein. Heute sammle ich für die Ukraine – ich agiere dabei als Vermittler zwischen Menschen, die spenden möchten und den Hilfsbedürftigen. Meinen Laden nutze ich dabei als Plattform, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Inzwischen rufen mich täglich Menschen an, die fragen, was in der Ukraine gebraucht wird – von Inkontinenzeinlagen über Verbandsmaterial und Luftmatratzen bis hin zum mobilen Beatmungsgerät, welches ich kürzlich in das Land übergeben konnte. Eine ältere Dame hilft mir bei dem Projekt mit gestrickten Socken für Kinder und ihre Eltern aus Wollresten. So wird auch weniger weggeworfen.

Was macht Ihren Laden besonders?
Ich kümmere mich um meine Kunden – mir geht es nicht darum, unglaublich viel Wolle zu verkaufen. Ich möchte, dass meine Kunden zufrieden sind, wenn sie das Wollgefühl verlassen, vielleicht mit einem Lächeln auf den Lippen. Und ich sehe mich nicht nur als Geschäftsführerin, ich möchte Ansprechpartnerin sein und meinen Kunden die Liebe zum Stricken vermitteln. Beim Sortiment ist sicherlich die Farbvielfalt erwähnenswert und eben mein Fokus auf das Wohlergehen der Tiere.

Kontakt
Das Wollgefühl, Mühlenstraße 5, 21509 Glinde. Telefon: 040 18124679. Internet: www.das-wollgefuehl.de. Ihr Vorteil: 2 Prozent S-Cashback auf alle Umsätze ab 25 Euro bei Zahlung mit einer Sparkassen-Karte (Debit- und Kreditkarte).

Fotos: Das Wollgefühl

 

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