Kulturelle Oase im Osten

Das Hof-Theater Bad Freienwalde bringt das ganze Jahr über Spitzenkultur in die brandenburgische Kleinstadt kurz vor der polnischen Grenze. Seine Existenz verdankt es dem Schauspieler und Musicaldarsteller Matthias Raupach, der Geschäftsführer, Intendant, Regisseur oder – kurz gesagt – die Seele des Theaters ist. Gunnar Erth sprach mit dem 48-jährigen Macher.

S-Cashback Magazin: Bad Freienwalde ist eine 12.000-Einwohner-Stadt im Landkreis Märkisch-Oderland. Welche Bedeutung hat Ihr Theater für das kulturelle Leben der Region?
Matthias Raupach: Wir sind eine Oase in der Wüste! Wir machen kulturelle Arbeit, die die Stadt nicht mehr leisten kann – und wirken sogar bis zum Rand Berlins.

Ihr Untertitel des Hof-Theaters lautet: Theater-Musical-Comedy. Wo liegt der Schwerpunkt?
Der rote Faden ist das Unterhaltungstheater mit Eigenproduktionen und Gastspielen, mit dem Fokus auf musikalische Unterhaltung plus Comedy und Kabarett. Ab und zu haben wir auch mal eine politische Lesung. Wir machen aber kein Sprechtheater.

Matthias Raupach, hier während einer Aufführung, ist die Seele des Hof-Theaters. Foto: Musiktheater Brandenburg e.V.

Ihr Theater hat eine interessante Geschichte. Wie kam es zu der Gründung?
Ich bin in Bad Freienwalde aufgewachsen, bin dann aber für über 20 Jahre nach Wien gegangen, habe dort erst studiert und anschließend als Schauspieler, Sänger und Musicaldarsteller gearbeitet. Zwischendurch bin ich immer wieder hierher gependelt, denn Ostbrandenburg ist meine Heimat. 2003 haben wir erstmals ein Sommertheater für Gäste und Einheimische organisiert. Das kam hervorragend an, immer hieß es: „Matthias, willst Du nächstes Jahr nicht wiederkommen?“ So wurde aus dem Sommertheater von Jahr zu Jahr mehr. Irgendwann stellte sich die Frage, ob wir nicht ein eigenes Haus brauchen. Vor zehn Jahren hatten wir die Gelegenheit, das lokale Kino zu übernehmen. So wurde aus der Sommerkomödie im Oderbruch das Hof-Theater.

War es einfach, aus dem Kino ein Theater zu machen?
Das Kino war fast schon eine Ruine. Zum Glück haben wir mehrere große Förderungen der EU zur Entwicklung des ländlichen Raums erhalten. So konnten wir anderthalb Millionen Euro in die Sanierung und Renovierung des Gebäudes investieren und mit viel Eigeninitiative daraus ein kleines Juwel machen. Es ist richtig schick geworden, mit roter Samtbestuhlung und guter Bühnentechnik. Wenn viele Künstler erstmals in den Hinterhof treten, in dem das Theater liegt, sind sie richtig geschockt – und zwar im positiven Sinne!

Das Hof-Theater hat seinen Namen also daher, dass es wortwörtlich in einem Hof liegt?
Der Name hat in mehrfacher Hinsicht gepasst. Bis es in den 30er-Jahren zum Kino „Kurlichtspiele“ wurde, war das Gebäude der Festsaal des Hotels Drei Kronen. Bad Freienwalde ist eine alte Kur- und Badestadt, der Kurort der preußischen Könige und der älteste Kurort der Mark Brandenburg mit einer wunderschönen Bäderarchitektur. Mit dem Namen Hof-Theater knüpfen wir also auch an die Tradition des Orts an.

Mit EU-Mitteln und viel Eigeninitiative wurde aus einem alten Kino das topmoderne Hof-Theater. Foto: Ullrich Dahl

Wie viele Plätze haben Sie denn im Theater?
Wir haben 180 Plätze und sind immer gut ausgelastet, zu 70 bis 80 Prozent im Durchschnitt.

Sie erhalten Fördermittel vom Landkreis bis zur EU. Welche Rolle spielt das?
Wir sind ein Theater in freier Trägerschaft mit einem Betreiberverein. Da ist es wichtig, Fördertöpfe aufzutun. Die Beantragung der Fördermittel ist wahnsinnig viel Arbeit, aber als Geschäftsführer ist es halt meine Aufgabe, unser Haus am Leben zu erhalten. Man muss immer am Ball bleiben.

Auch die Sparkasse Märkisch-Oderland gehört zu Ihren Förderern.
Die Sparkasse ist seit 20 Jahren unser Partner und unterstützt uns regelmäßig finanziell. Das ist gerade bei Projektförderanträgen nicht unwichtig.

Welche Rolle spielt denn der Trägerverein des Theaters?
Eine Riesenrolle! Wir haben nur drei feste Mitarbeiter und können die ganzen Aufgaben nur durch ehrenamtliche Helfer abdecken – von der Garderobe bis zum Getränkeverkauf. Der Vorstand des gemeinnützigen Vereins organisiert, dass immer sechs bis sieben liebe Menschen am Abend dabei sind.

Die Vereinsvorsitzende Gertud Raupach ist mit Ihnen verwandt?
Das ist meine Mama! [lacht] Es ist schon ein bisschen wie ein Familienunternehmen, aber das hat sich so ergeben. Man hilft hier halt einander.

Musiktheater und Comedy stehen im Fokus des Spielplans. Foto: Musiktheater Brandenburg e.V.

Können Sie uns etwas über Ihr eigenes Ensemble sagen?
Wir machen drei bis vier Eigenproduktionen im Jahr. Dazu gehört das Sommertheaterfestival, das ist immer eine Musicalproduktion. Wir haben einen Stamm von Schauspielern, von denen einige seit 10 oder 15 Jahren dabei sind. Dazu werden Kolleginnen und Kollegen gecastet. So wird das jeweilige Ensemble zusammengestellt, das sechs Wochen vor Ort ist. Ich habe auch noch Kontakte nach Österreich und besetzte immer wieder Rollen international.

Zum Beispiel?
Letztes Jahr haben wir zum 20-jährigen Jubiläum des Sommertheaters „Ein Käfig voller Narren“ aufgeführt. Das war wirklich gut, auch die Fachpresse hat gejubelt. Und da waren Schauspieler aus Österreich, der Schweiz, von überall her dabei.

Haben Sie auch lokale Schauspieler im Ensemble?
Echte lokale Schauspieler gibt es hier leider nicht, dazu sind wir zu weit weg von Berlin.

Was sind denn die größten Pläne des Hof-Theaters für 2023?
Wir haben ein tolles Stück für unser Sommertheater! Eine Musicalshow über die Amiga, die Plattengesellschaft der DDR. Wir sind ja hier im Osten, da können wir uns gern Ostalgie-Themen widmen. Wir präsentieren die besten Hits des Ostens von Karat bis Nina Hagen.

Dem Hof-Theater gelingt es immer wieder, erstklassige Schauspielerinnen und Schauspieler für einen Auftritt in Bad Freienwalde zu gewinnen. Foto: Musiktheater Brandenburg e.V.

Wie groß ist dafür der Aufwand?
Groß. Solche Produktionen bereitet man mit zwei Jahren Vorlauf vor. Man muss die Kolleginnen und Kollegen engagieren, die Bücher schreiben, die Stücke arrangieren… Jetzt im Mai führen wir zudem eine Paul-Abraham-Revue zu Ehren des großen Berliner Jazz-Operetten-Komponisten auf, der von den Nazis vertrieben wurde. Ein Freund von mir hat ein Filmdrehbuch über das Leben von Paul Abraham geschrieben und das nehmen wir als Basis für diesen szenischen Abend. Das ist auch ein Stück Erinnerungskultur, und die ist mir sehr wichtig. Das gehört jetzt nicht zum Theater, aber letztes Jahr habe ich zum Beispiel Stolpersteine in Bad Freienwalde verlegen lassen.

Schön!
Mir ist es zum Beispiel auch wichtig, auf das Schicksal der jüdischen Emigranten aus der Kulturszene aufmerksam zu machen. Wir haben jedes Jahr zum 9. November entsprechende Programme.

Nochmal zurück zur Paul-Abraham-Revue. Wird sie nur einmal aufgeführt?
Im Moment ist nur ein Abend geplant, aber ich habe schon viele Anfragen von anderen Theatern, die solche Inszenierungen auch gerne einkaufen.

Sie holen also nicht nur Gäste ins Haus, sondern gehen auch mit Ihren Produktionen auf Tour?
Wenn es sich ergibt, gerne. Kürzlich hat mich zum Beispiel die Konzertdirektion Landgraf angesprochen, ein großes Tourneetheater aus der Nähe von Freiburg. Die möchten zum Beispiel 2024/25 meine „Ein Käfig voller Narren“-Inszenierung aufführen.

Was steht bei Ihnen dieses Jahr noch auf dem Programm?
Eine Menge, etwa der wie immer gut gefüllte Gastspielplan und ein DEFA-Filmfestival, zusammen mit der DEFA-Stiftung. Und dann steht auch schon unser Weihnachtsprogramm vor der Tür – mit unseren Musical-Weihnachtsshows, die wir den ganzen Dezember über spielen.

Wie viele eigene Produktionen und Gastspiele haben Sie pro Jahr im Hof-Theater?
Insgesamt kommen wir auf rund 100 Veranstaltungen, davon entfallen etwa die Hälfte auf Eigenproduktionen. Den Schwerpunkt bilden der August und im Dezember mit je etwa 20 Aufführungen.

Die Uckermärkischen Bühnen Schwedt sind regelmäßig mit Kinder- und Jugendtheater zu Gast. Foto: Udo Krause

Sie haben auch eine Kooperation mit den Uckermärkischen Bühnen Schwedt – was bedeutet das?
Diese Kooperation mit der Landesbühne ist für uns ein Ritterschlag. In der Praxis bedeutet es, dass die Landesbühne das gesamte Kinder- und Jugendtheater bei uns abdeckt. Die spielt bei uns Stücke wie „Pippi Langstrumpf“ oder „Hans im Glück“ für Schulklassen aus der Umgebung. Wir sind ein gern gesehener Gastspielort.

Wie kam diese Kooperation zustande?
Die Landesbühne war begeistert davon, wie schön das Hof-Theater nach der Komplettsanierung 2019 geworden ist, und hat gefragt, wie man uns helfen kann. Meine Antwort: „Indem Ihr bei uns gastiert!“

Sie organisieren alles als Intendant, pflegen Kontakte, führen Regie, treten auf – wie schaffen Sie das?
Ach, was man mit Leidenschaft macht, das schafft man auch. Ich bin halt so ein typischer Striese. [lacht]

Ein was?
Ein typischer Striese. Das ist eine Figur aus dem Schwank „Der Raub der Sabinerinnen“. Der Theaterdirektor, der mit seiner Familie alles organisiert. Ich bin halt so ein Generalist. Mich freut es einfach und es stresst mich nicht. Das Theaterspielen selbst, so komisch es klingen mag, ist dabei der geringste Aufwand, weil es mein Job ist. Das Drumherum ist ein bisschen aufwendig, weil man sich immer von Projektförderung zu Projektförderung hangelt. Die Kohle heranzuschaffen, ist in Deutschland leider eine Katastrophe. Der Förderalismus bringt der Kultur überhaupt nichts.

Das Musical „Cabaret“ war einer der großen Erfolge des Hof-Theaters. Foto: Musiktheater Brandenburg

Die Kritik kennt man in ähnlicher Form über die Filmförderung.
Die Kulturförderung funktioniert halt leider nicht. Man kann nicht kreativ sein, wenn man sich an 364 Tagen im Jahr überlegen muss, wie man seine Kunst finanziert. Und das geht allen freien Bühnen so. Uns fressen die Personalkosten auf. Um alle Kosten ausschließlich aus den Ticketverkäufen zu bestreiten, müsste ich ja 150 Euro für die Eintrittskarte nehmen. Das Problem ist einfach, dass die Kulturförderung nicht im Grundgesetz steht. Deswegen gibt es ja die Initiative „Kultur ins Grundgesetz“, an der wir uns beteiligen.

Was könnte man besser machen?
Wenn ein Landkreis seine Schlüsselzuweisung für Kultur so bekommen würde wie für jedes Krankenhaus oder Schule, hätte er ein paar Millionen, die er verteilen könnte. Stattdessen sind es freiwillige Ausgaben – und da streichen die Kämmerer als erstes bei der Kultur, wenn gespart werden muss. Das erzeugt diese unsägliche Fördermittelkonkurrenz, weil natürlich jeder für sein Theater kämpft.

Wie sind Sie denn eigentlich dann durch die Coronakrise gekommen?
Ganz gut, weil wir gut aufgestellt waren. Wir waren fleißig und hatten uns intensiv um Fördermittel gekümmert. Ich hätte zwar lieber Theater gespielt als Förderanträge zu schreiben, aber finanziell war der Staat sehr großzügig.

Wie stellen Sie den Spielplan auf?
Als Bühne im ländlichen Raum machen wir Theater fürs breite Publikum – vom Schüler bis zum Rentner. Inklusive der „Weihnachtsgans Auguste“. Man kann nicht den Spielplan am Publikum vorbei aufstellen. Das Unterhaltungstheater funktioniert für mein Haus sehr gut, dazu kommen die Gastspiele, etwa von Kabarettisten. Zudem haben wir immer wieder mal besondere Gäste.

Zum Beispiel?
Mitte März war die Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau zu Gast, die aus ihrem Buch „Gott hab sie selig“ las. Wir hatten auch Ulrich Tukur hier, da kam der Kontakt über eins unserer Vorstandmitglieder zustande. Man ist halt vernetzt; einer quatscht den anderen an und sagt: „Ihr müsst mal ins Hof-Theater kommen“.

Kontakte muss man pflegen. Sie Sie denn auch noch außerhalb von Bad Freienwalde aktiv?
Ich wohne in Berlin, pendele aber auch ab und zu nach Wien. Für Engagements bleibt mir nur wenig Zeit, weil es neben dem Hof-Theater ein wahnsinniger Zeitaufwand ist. Aber ich netzwerke viel, besuche Vorstellungen, spreche mit Kolleginnen und Kollegen, schaue, wie man kooperieren kann.

Im Jahr 2022 wurde „Ein Käfig voller Narren“ im Hof-Theater aufgeführt. Foto Jenkins Photography

Auf Ihrer Theater-Website steht: LGBTQ-friendly. Wie leben Sie das?
Na, zum Beispiel, in dem wir Stücke wie „Ein Käfig voller Narren“ machen oder Gastspiele queerer Künstlerinnen und Künstler haben – und darauf aufmerksam machen, dass wir eine bunte Gesellschaft sind. Ich habe mir das auf die Fahne geschrieben, mich dafür einzusetzen, so wie ich auch nie ein Hehl über meine Orientierung gemacht habe. Die Regenbogenfahne hängt bei uns auch am Theater, was übrigens ganz schön mutig in einer Kleinstadt ist.

Wirklich? In der heutigen Zeit?
Es kann schon vorkommen, das man zum Italiener geht und Getuschel hört: „So, jetzt kommen sie.“ „Aber die sehen ja eigentlich ganz normal aus.“ Wir haben darüber gelacht. Es ist halt Provinz. Ich selbst bin ja ein bunter Vogel und liebe das, aber das mag nicht jeder.

Was war eigentlich der größte Erfolg des Hof-Theaters bisher?
Mein absoluter Favorit war ein musikalisches Theaterstück über die Comedian Harmonists, das wir zum zehnjährigen Bestehen des Sommertheaters aufgeführt haben. Ein Autor in Wien hatte es geschrieben und ich habe es sehr genossen, das Stück aufzuführen. Es war ein super Publikumserfolg und wurde auch von der Presse gefeiert. Der Titel lautete „Achtung. Selten.“ – das war der Titel einer Zeitungsanzeige, mit der Sänger Harry Frommermann Mitglieder für sein Ensemble suchte. Und natürlich „Ein Käfig voller Narren“! Auch Helmut Baumann, der ehemalige Intendant des Theaters des Westens in Berlin, der das Stück in Deutschland erstmals aufführte, kam zu uns in die Aufführung und hat uns sehr herzlich gratuliert! Das war ein Ritterschlag für uns.

Zum Abschluss noch eine Frage in eigener Sache: Sie gewähren ihren Theatergästen einen S-Cashback-Vorteil. Wie kam es dazu?
Ich habe sehr guten Kontakt zur Sparkasse, auch zu dem Marketing-Kollegen in Strausberg, der die Incentive- und Kooperationsprogramme betreut. Er hatte uns als Theater die Teilnahme an S-Cashback vorgeschlagen. Unsere Gäste und wir profitieren beide davon.

S-Cashback Vorteil
S-Cashback Kunden erhalten im Hof-Theater Bad Freienwalde bei Zahlung mit einer Sparkassen-Karte (Debit- und oder Kreditkarte) 5 Prozent Cashback auf alle Umsätze. Adresse: Königstraße 11, 16259 Bad Freienwalde. Telefon: 03344 3010616. Internet: hoftheater-bad-freienwalde.de

Titelfoto: Jenkins Photography

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